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oberhaenslir



Anmeldungsdatum: 20.09.2007
Beiträge: 748

BeitragVerfasst am: 20. Jul 2010 11:37    Titel: Der 'Konditional' ist nicht neu. Antworten mit Zitat

TiH hat Folgendes geschrieben:
stn21 hat Folgendes geschrieben:

Guter Punkt. Ich war gar nicht auf die Idee gekommen, den Modus an sprachlichen Zeichen festzumachen, also z.B. an konkreten Veränderungen am gesprochenen Wort, z.B. Flexion, Suffix, u.Ä.

Der Vorteil bei den Veränderungen der sprachlichen Zeichen ist eben, dass man sie objektiv beobachten kann. Objektiv ist hier natürlich immer unter der Prämisse zu sehen, dass lediglich die Mehrheit der nativen Sprecher Sätze als grammatisch oder ungrammatisch empfindet.

Zitat:
Die sprachlichen Zeichen hatte ich als nützliche Hilfsmittel angesehen, die im Zweifelsfall immer anderen Merkmalen, insbesondere dem Kontext und der Pragmatik untergeordnet und von diesen modifiziert werden. Mir fallen da sofort rhetorische Figuren ein, wie z.B. Ironie, die damit operieren, daß der Sprechende eben nicht sagt was gemeint ist.
Natürlich wird nicht sagt was gemeint ist unter sorgfältiger Einhaltung der formalen Regeln smile


Dieses Problem haben die Linguisten nach der kommunikativen Wende auch stärker in den Blick genommen und deswegen einen neuen Teilbereich entwickelt. Ich schlage vor, du liest dich mal ein wenig in die Pragmatik ein, hierbei würde ich als Einstieg die Sprechakttheorie nach Austin empfehlen. Unter Umständen kann ich dann zwar nicht mehr mitreden, aber die Pragmatiker setzen sich im Wesentlichen mit genau diesen Fragen auseinander. Also Bedeutungen und deren Veränderungen, die eben nicht (direkt) am sprachlichen Zeichen erkennbar sind.


Zitat:
Ist das Beispiel nicht normaler Konjunktiv I, indirekte Rede?

Das hängt vom Blickwinkel ab.
Stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die indirekte Rede den Konjunktiv I erzwingt, dann ist das eine Ausweichform des Konjunktiv I.
Betrachte ich dagegen die morphosyntaktischen Merkmale, dann ist das eindeutig Konjunktiv II, der eben hier anstatt des Konjunktiv I verwendet wird, um Uneindeutigkeit zu vermeiden.

Zitat:
An der Stelle tauchen massenhaft Grundfragen auf, die im Prinzip erst mal beantwortet werden müssen, bevor man überhaupt eine Grammatik definieren kann. Wie genau müssen grammatikalische Formen (Syntax) die beabsichtigte Bedeutung wiedergeben? Was geht aus den Wortbedeutungen (Semantik) hervor und wieviel muss man aus Kontext, Intonation, rhetorischen Figuren etc ableiten? Wie eindeutig und widerspruchsfrei soll eine Sprache die Absicht des Sprechers wiedergeben können? Kann jede ausreichend entwickelte Sprache so verwendet werden, daß sie eindeutig ist? Soll sie überhaupt eindeutig sein und eindeutig sein können?

Noch ein paar Hilfsmittel: Wir unterscheiden normative und deskriptive Grammatiken. In diesem Falle würde ich doch eher von deskriptiven Ambitionen sprechen. Ich wüsste auch nicht, warum irgendwer außer der Rechtschreibkonferenz und der Dudenredaktion normativ vorgehen sollte.

In diesem Sinne hat man eigentlich schon festgestellt, dass Sprache nicht eindeutig sein kann. Vergleiche etwa das Organonmodell von Bühler, Schulz von Thun oder Watzlawick.


Zitat:
Gedanklich versuche ich eher den umgekehrten Weg. Weniger definieren statt mehr. Als Experiment: was genau passiert, wenn man nur Nominativ, Indikativ, Infinitiv und 3 Tempi verwendet und den Rest über Funktionsworte regelt. Wahrscheinlich werden die Sätze länger, aber sonst? Kann man sich in einer solchen Sprache genau so differenziert und exakt ausdrücken wie z.B in Deutsch oder Latein?

Versuche, eine Kunstsprache zu generieren sind bislang immer kläglich gescheitert. Die Gründe dafür sind mir allerdings nicht bekannt. Möglicherweise müsste man da etwas über "Esperanto" recherchieren.

Eventuell interessiert dich auch die Theorie zur "Generativen Tiefengrammatik" von Chomsky.

Zitat:
Will sagen: aus dem grammatikalischen Modus kann man nicht sicher auf die Funktion schließen. Der Modus gibt Hinweise, kann aber in vielen Fällen eine ganz andere Bedeutung anzeigen, die dann erst pragmatisch geklärt werden kann. z.B. Wunsch (im Prinzip ein Imperativ, wobei der Imperativ immer sowohl Möglichkeit als auch Wunsch zwingend impliziert, behaupte ich) im Gegensatz zu Möglichkeit im Sinne von vorstellbarer Realität die aber nicht unbedingt eintreten muss oder soll (=Konjunktiv).

Ich empfehle dir zu besserer Weiterarbeit wirklich streng zwischen morphosyntaktischen Kategorien, die sich im Wesentlichen auf die Form der Sprachzeichen beziehen (also alle lateingrammatischen Begriffe) und pragamtischen Implikationen zu trennen.
Will sagen, der Konjunktiv dient lediglich der Beschreibung der Verbform und ist von der "Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit" scharf zu trennen, auch wenn beide oft zusammen auftreten. Man handelt sich sonst auf Dauer zu viele Widersprüche ein.

Zitat:
Wenn ein Satz bedeutungserhaltend in den Indikativ umgeformt werden kann, heißt das, daß der pragmatische Modus (also die subjektive Absicht des Sprechers) erhalten bleibt, während gleichzeitig der grammatikalische Modus sich ändert.

Genau.

Zitat:
Bei dem Wort "Modus" muss man offenbar klar sagen, was man meint: grammatikalische, also syntaktisch definierte Form oder den Ausdruck einer subjektiven Absicht des Sprechenden.

Ich hatte da kürzlich erst ein schönes Buch in der Hand: "Im Irrgarten der Modalität", Autor habe ich jetzt leider vergessen. Der Modus ist so ein Problemkind, weil nirgends klar und verbindlich definiert ist, was man nun genau darunter versteht und er sich gleichzeitig einer scharfen Betrachtung bisher entzieht. Daher rühren nicht nur viele Missverständnisse, sondern auch so Dinge, dass manche Linguisten die Existenz eines Modus glattweg abstreiten.

Hatte ein bisschen viel zu tun, aber besser spät als nie.

Grüße


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Der 'Konditional' ist nicht neu; er wird in vielen neuen Grammatiken aus nicht nachvollziehbaren Gründen unterdrückt. Die Konjugationsformen des Konditionals werden auch für den Konjunktiv II verwendet.

Dass die Frageform kein Modus ist, erkennst du daran, dass man die Frage im Indikativ, Konjunktiv und Konditional stellen kann.

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