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Georg Trakl - Verfall --> Textinterpretation
 
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Mermaid
Gast





BeitragVerfasst am: 31. Mai 2008 18:49    Titel: Georg Trakl - Verfall --> Textinterpretation Antworten mit Zitat

Hallo!
Habe hier eine Textinterpretation des Gedichtes "Verfall" von Georg Trakl geschrieben. Wäre nett, wenn einer drüberlesen könnte und mir sagen könnte, ob sie schlüssig erscheint. Sie dient als Übung für eine mündliche Prüfung über Gedichte.

Danke euch!
Gruss,
Mermaid



Das Gedicht erstmal, es wurde 1913 geschrieben:

Georg Trakl - Verfall

1 Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
2 Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
3 Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
4 Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

5 Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
6 Träum ich nach ihren helleren Geschicken
7 Und fühl der Stunden Weiser1 kaum mehr rücken.
8 So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

9 Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
10 Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
11 Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

12 Indes wie blasser Kinder Todesreigen2
13 Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
14 Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.


Meine Interpretation:
Das Gedicht „Verfall“ wurde 1913 von Georg Trakl verfasst und ist daher der Epoche des Expressionismus zuzuordnen. Darin werden die Empfindungen eines lyrischen Ichs in und mit der Natur geschildert, welche anfangs als harmonisch, romantisch und friedlich beschrieben werden, letztlich aber in eine düstere, bedrohliche und unheimliche Untergangsstimmung und Wahrnehmung umschwenken.
Das Gedicht besteht aus 14 Versen, welche in zwei Quartette sowie zwei folgenden Terzetten gegliedert ist. Hierbei handelt es sich um ein klassisches Sonett. Die beiden Quartette weisen umarmende Reime auf, die beiden Terzette zwei ineinanderübergehende Kreuzreime. Zudem fällt auf, dass ausschließlich weibliche Kadenzen vorliegen, welche dem Gedicht auf formaler Ebene durch die letzte, fallende Silbe eines jeden Verses eine gewisse Harmonie und eine gefühlvolle, weiche Note geben. Diese formale Harmonie und somit die Wahrung der äußeren, formalen Form wird durch die bereits erwähnte Sonettform, welche eine streng traditionelle und klassische Gedichtsform darstellt, durch die relativ gleichförmigen Verslängen sowie durch die durchgehend beibehaltende Metrik eines fünfhebigen Jambus nur noch unterstrichen. Auf die Wahrung der äußeren Form soll abschließend in Verbindung mit dem dann interpretierten Inhalt des Gedichts noch näher eingegangen werden.
Die erste Strophe verströmt zugleich eine harmonische, friedliche und wohlfühlende Stimmung, welche bereits durch die Alliteration „Am Abend“ eingeleitet wird. Ein lyrisches Ich spricht vom Glockenläuten als einem Friedenläuten und davon, dass es dann dem Flug der Vögel in die unendliche Weite zu folgen vermag. Die Begriffe „Frieden“, „wundervoll“, „gleich fromm[en]“ sowie „Weiten“ verstärken den Eindruck von Träumerei, Harmonie, Frieden aber auch starker Sehnsucht sehr deutlich. Auch das bereits angesprochene Reimschema, der umarmende Reim, drückt durch seine „Umarmung“, sprich durch seine Abschlossenheit eine gewisse Einheit, Harmonie und Frieden aus. Trotzdem das lyrische Ich hier die herbstliche Natur am Abend als im Einklang mit sich selbst und als harmonisch wahrnimmt, weisen die Begriffe „Abend“ sowie „herbstlich“ bereits auf eine düstere Stimmung im späteren Verlauf des Gedichts hin. Auch die Tatsache, dass der umarmende Reim dennoch unreim ist, deutet auf diesen Sachverhalt und somit auf eine gewisse Auflösung auf inhaltlicher Ebene hin.
Die zweite Strophe verhält sich inhaltlich sowie formal ähnlich der ersten. Die Sehnsucht des lyrischen Ichs wird noch stärker hinausgehoben, so nennt es sich selbst „hinwandelnd“, also kaum noch anwesend, sondern von der starken Sehnsucht nach Einklang und Harmonie fast trunken. Erstmals gibt das lyrische Ich hier auch zu, zu träumen und aufgrund seiner so tiefen Träumerei kaum mehr eine irdische Orientierung oder Zeitgefühl zu besitzen. In Träumerei und Fernweh versunken „folgt“ das lyrische Ich vielmehr dem unendlich wirkenden Flug der Vögel in die Weite, welcher Einklang, Unendlichkeit und Freiheit verspricht. Wiederum wird das immer stärker heraustretende Gefühl der Harmonie durch den umarmenden Reim gestützt, welcher erneut Abgeschlossenheit und somit Einklang und Einheit verdeutlicht. Aber auch hier handelt es sich wieder um einen unreinen Reim, womit die Auflösung auf formaler Ebene, wenn auch nur in Form dieses unreinen Reimes, auch auf inhaltlicher Ebene ihren Lauf nehmen soll.
Die dritte Strophe und somit das erste Terzett stellt inhaltlich und formal einen Bruch in der bisher beschriebenen Naturwahrnehmung und Harmonie dar, hier findet eine Zäsur, inhaltlich sowie formal, statt. Diese Zäsur auf inhaltlicher Ebene ist typisch für die Sonettform, welche den Bruch durch die Spaltung in Quartette und Terzette auch formal vervollständigt. Hier spricht das lyrische Ich nun erstmals vom Verfall, welcher wie bereits erwähnt durch die Begrifflichkeiten „Abend“ und „herbstlich“ angekündigt wurden. Dieser Verfall lässt das lyrische Ich zum ersten Mal erzittern und somit aus seiner Träumerei erwachen. Das lyrische Ich muss nun die reale Natur des Herbstes wahrnehmen, welche auch Amseln „klagen“ lässt. Zudem ist von entlaubten Zweigen die Rede, welche also nun auch der Amsel keinen Schutz mehr bieten werden, sondern tot, stumpf und leblos wirken. Ähnlich fühlt wohl das lyrische Ich, denn weiterhin ist die Rede vom roten Wein, welcher nun „an rost’gen Gittern“ schwankt. Wein ist ein Symbol für Fruchtbarkeit und Leben, welches nun, im herbstlichen Verlauf als Vorbote des Todes und Unterganges, vorbei ist. Die Tatsache, dass der Wein an einem rostigen Gitter rankt, welches somit nun zu zerfallen droht und keine Stabilität und Sicherheit mehr gewährleistet, verstärkt den Eindruck von Untergang und Vergänglichkeit, worauf der Titel des Gedichts bereits hinweist. Auffallend ist zudem, dass hier nun nicht mehr das lyrische Ich mit all seinen Sehnsüchten im Vordergrund steht (es heißt nur noch „mich“, aber nicht mehr „Ich“) zurücktritt. Durch das zudem wechselnde Reimschema, einem Kreuzreim, erhöht sich hier nun das Tempo des Gedichts, wodurch der vorige Eindruck von Harmonie und Einklang weitestgehend verloren geht, und vielmehr in Disharmonie, Eile und Hektik mündet.
Auch das letzte Terzett verdeutlicht diese Stimmung einmal mehr. Es ist die Rede von „blasser Kinder Todesreigen“. Reigen ist normalerweise ein alter mittelalterlicher Volkstanz, welcher ebenso Harmonie, Freude, Frieden und Leben verspricht. Hier ist es nun ein Todesreigen und es sind wohl blasse Kinder, die ihn tanzen. Das Leben neigt sich also, wie auch die Natur in ihrer Blüte, dem Ende zu. Hier verwendet Trakl nun auch ein Enjambement, welches den immer weiter fortschreitenden und näher kommenden Prozess des Todes nur noch eindringlicher verdeutlicht. Abschließend werden zudem blaue Astern genannt, welche sich „fröstelnd“ um düstere, stark verwitterte Brunnenränder ranken. Die Worte „dunkel“, „fröstelnd“, „blass“ und nicht zuletzt „Todesreigen“ rufen eine düsteren, unheimliche und dem Untergang und Tod geweihte Stimmung hervor. Die Farbe blau nimmt hierbei noch eine besondere Stellung ein: Blau als Farbe der Tiefgründigkeit, der Traurigkeit sowie der Melancholie hebt die dunkle, traurige Stimmung des Gedichts noch weiter hervor und ist eine in der expressionistischen Lyrik und Malerei oft verwendete Farbe. Man denke nur an das „blaue Klavier“ Else Lasker- Schülers oder die Gruppe „Die blauen Vier“ oder „der Blaue Reiter“, welchen Persönlichkeiten wie Wassily Kandinsky oder Paul Klee angehörten.
Hier fällt zudem auf, dass das lyrische Ich nun überhaupt nicht mehr erwähnt wird, sondern in seiner Wichtigkeit und Stellung abgenommen hat. Vielmehr sind es die Astern, die frösteln und somit personifiziert werden. Der Mensch wird also zurückgedrängt und ist dem Tode geweiht, die Aster hingegen neigt sich dem Winde, aber hält dennoch Stand. Hier tritt ein besonderes Merkmal des Expressionismus in den Vordergrund: Die Macht der Naturgewalten, welche den Menschen nur noch zum passiven Objekt degradieren, selbst aber zum Subjekt personifiziert werden und somit an Größe und Macht zunehmen. Dies soll die menschliche Stellung, welche gerade zur Zeit des Wilhelminischen Kaiserreiches, seinen Tugenden, sowie durch die stetige Technisierung und Urbanisierung den Menschen und seine Fähigkeiten als vollkommen darstellte, revidieren.
Abschließend ist zu sagen, dass Trakl die für den Expressionismus so typische Ambivalenz und Zerrissenheit in diesem Gedicht sehr deutlich zur Sprache bringt, welche die damalige Stimmung der Gesellschaft widerspriegelt. Einerseits war diese von dem Glauben an die Technik, an sich selbst und seine Fähigkeiten sowie durch Spannung, Abenteuer und Reuzüberflutung geprägt, andererseits wiederum durch Existenzunsicherheit, Armut und dem Gefühl des Untergangs des Menschen schlechthin. Diese Ambivalenz offenbart sich auf formaler Ebene, durch das Reimschema sowie die Gliederung in Quartette und Terzette, sowie andererseits auf inhaltlicher Ebene durch die anfängliche Harmonie und der gefolgten Todesstimmung. Das Ausgeliefertsein, das „Totsein“ des Menschen in einer als morbide und hinfällig angesehenen Welt, als welche die Expressionisten die Welt zweifelsohne sahen, wird hier offenbart. In Anbetracht des Entstehungsdatum kann sich die abschließende Todestimmung und das Gefühl der Vergänglichkeit und des Untergangs durchaus auf dem folgenden Ersten Weltkrieg zurückführen lassen.


Mir ist eben noch eingefallen, dass die Verwendung eines lyrischen Ichs zudem eine Identifikationsmöglichkeit für den Leser darstellen soll und damit einhergehend auch Nähe und Verbundenheit hervorrufen soll. Durch die Zurückdrängung des lyrischen Ichs in den beiden Terzetten soll dies wieder rückgängig gemacht werden, hier wird Distanz zwischen Leser und dem lyrischen Ich hervorgerufen. Diese Tatsache verdeutlicht die expressionistische Ambivalenz erneut. Hab ich aber halt jetzt nicht in der Interpretation stehen Augenzwinkern
Ulises



Anmeldungsdatum: 24.04.2007
Beiträge: 92

BeitragVerfasst am: 31. Mai 2008 21:44    Titel: Antworten mit Zitat

...

Zuletzt bearbeitet von Ulises am 04. Mai 2011 10:59, insgesamt einmal bearbeitet
Mermaid
Gast





BeitragVerfasst am: 01. Jun 2008 10:34    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Ulises,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort smile
Du hast recht, den Autor Georg Trakl habe ich quasi gar nicht in die Interpretation miteinbezogen, obwohl seine Biografie tatsächlich doch einige Punkte zulässt, die es sich zu verbinden lohnt. Das werde ich dann in meine abschließenden Bemerkungen noch einarbeiten. Ein Bezug zum Entstehungsjahr wäre wohl ebenfalls nciht schlecht, ich hatte irgendwo gelesen, dass das Gedicht im Jahr 1913 entstanden sei, weswegen ich es quasi als Vorahnung auf den Ersten Weltkrieg gedeutet habe.
Und bei erneutem Lesen ist mir nun auch erst aufgefallen, dass es tatsächlich die Weintrauben sind und nich etwa die Kinder, die den Reigen tanzen. Danke Augenzwinkern
Die Nähe des Gedichts zur Romantik und damit einhergehend auch das Blumenmotiv bzw. die Farbe blau ist mir natürlich aufgefallen, aber ich habe es absichtlich vermieden, die Romantik hier noch mit ins Spiel zu bringen.

Danke für deine Mühe!
Gruss,
Mermaid Wink
Barium
Gast





BeitragVerfasst am: 02. Jun 2008 15:19    Titel: Antworten mit Zitat

Mermaid hat Folgendes geschrieben:
aber ich habe es absichtlich vermieden, die Romantik hier noch mit ins Spiel zu bringen.


Wieso denn? smile

Ich habe im Rahmen einer Prüfungsvorbereitung gelesen, dass man das Gedicht der Romantik zuordnen würde, wenn es nur aus den Quartetten bestehen würde. Es folgte die These, dass das Gedicht die Fortsetzung der Romantik widerspiegele (frühes 20. Jhd. und damit Expressionismus), was in den Terzetten zu sehen sei.
elaline
Gast





BeitragVerfasst am: 09. Dez 2010 18:46    Titel: romantik Antworten mit Zitat

[quote="Barium"]
Mermaid hat Folgendes geschrieben:
aber ich habe es absichtlich vermieden, die Romantik hier noch mit ins Spiel zu bringen.


wieso Romantik, ich würde das Sonett in erster Linie mit dem Barock verbinden!

Und bist du dir mit dem 5heb. Jambus sicher? Ich würde zu einem 5 heb. Trochäus mit unbetontem Auftakt tendieren...


lieben gruß
[email protected]
Gast





BeitragVerfasst am: 09. Dez 2010 21:34    Titel: Antworten mit Zitat

Die INterpretation ist gut! Aber warum hast du sie denn ausgelassen? ICh hätte sie eher schon fast in den Vordergrund gerückt.
peterderweg
Gast





BeitragVerfasst am: 20. Jan 2011 21:15    Titel: ich hab auch eine Antworten mit Zitat

hallo leute könntet ihr mal nen blick auf meine werfen??
suite101.de/content/gedichtinterpretation-georg-trakl-verfall-a98124

danke!!!
[email protected]
Gast





BeitragVerfasst am: 20. Jan 2011 21:29    Titel: Antworten mit Zitat

Zum besseren Verständnis nochmal der Link:
http://www.suite101.de/content/gedichtinterpretation-georg-trakl-verfall-a98124
Xabotis



Anmeldungsdatum: 29.12.2010
Beiträge: 848

BeitragVerfasst am: 20. Jan 2011 21:54    Titel: Antworten mit Zitat

ich werde ihn mir mal, sobald ich kann, vornehmen

Wink

_________________
There is nothing, neither good nor evil, but human thinking makes it so. (W. Shakespeare)
[email protected]
Gast





BeitragVerfasst am: 20. Jan 2011 22:05    Titel: Antworten mit Zitat

Kannst du, soweit du der Autor bist, den Text vielleicht hier herein kopieren?

Dann wäre es für helfende leichter zu korrigieren, ansonsten laufen wir Gefahr dein Urheberrecht zu missbrauchen!
peterderweg
Gast





BeitragVerfasst am: 20. Jan 2011 22:22    Titel: interpr. Antworten mit Zitat

ja kann ich machen Big Laugh

Das Gedicht "Verfall" von Georg Trakl, entstanden 1913, scheint für den unvoreingenommenen Leser auf den ersten Blick ein ganz der Epoche der Romantik verschriebenes Gedicht zu sein. Doch analysiert man das Gedicht genauer, so wird schnell ersichtlich, das Trakl hiermit im Jahre 1913 ein eindeutig dem Expressionismus zuzuordnendes Werk veröffentlichte. Das Gedicht beschreibt zunächst ein fast typisch romantisches, abendliches Naturerlebnis des lyrischen Ichs, das sich in der Herrlichkeit eines Naturschauspiels verliert. Ein heftiger Bruch zerstört jedoch diese Idylle und ein Verfall beginnt, unter de auch die Natur leiden muss.

Gedanklicher Aufbau des Gedichts "Verfall" von Georg Trakl


Die erste Strophe des Gedichtes stellt die abendliche Bewunderung der Vögel durch das lyrische Ich dar. Die Situation wirkt sehr harmonisch und anmutig. Das lyrische Ich folgt schließlich den Vögeln auf ihren "wundervollen Flügeln" (V. 2) Auch in der zweiten Strophe (V. 5-Rock beschreibt das lyrische Ich den positiven, traumähnlichen Zustand, in dem es sich durch die Beobachtung der Natur befindet. Es verliert letztendlich sein Zeitgefühl und beginnt zu sinnieren. Diese romantische Stimmung wird jedoch in der dritten Strophe, die gedanklich eine Wendung darstellt, zerstört. Das lyrische ich "erzittert" (V.9) im eintretenden Verfall, dessen Ursache jedoch nicht genannt wird. Die vierte und letzte Strophe schildert weiterhin die Auswirkungen des eingetreten Verfalls auf die Natur, die sich unter ihm beugen muss.

Form des Gedichtes

Diese, der Epoche der Romantik zuteilbare Ausgangssituation, wird auch in der äußeren Form des Gedichtes deutlich. Es liegen zwei Strophen mit je vier Versen vor, auch als Quartett zu bezeichnen, die von zwei Terzetten gefolgt werden. Insgesamt ergibt sich also eine Anzahl von 14 Versen, sodass man von der klassischen Form des Sonettes sprechen kann.

Typisch für den Expressionismus wurde diese klassische Form des Gedichtes mit "revolutionärem" Inhalt gefüllt. Auch im Metrum zeigt sich die Verwendung einer streng durchstrukturierten, klassischen Form.

Es handelt sich beinahe durchgehend um einen fünfhebigen Jambus. Während die ersten beiden Strophen im umarmenden Reim verfasst sind, wird diese Struktur in der dritten und vierten Strophe gebrochen. Hierbei handelt es sich um zwei Reime, die gleichmäßig über sechs Verse ineinander verschränkt werden (efe fef). Zusammenfassend entsteht also ein bis zum achten Vers durchgehend leichter und harmonischer Rhythmus, der, beginnend mit dem neunten Vers, durch die Verschränkung der reime etwas langsamer wird. man kann diese Wendung im Rhythmus bereits als Zeichen der expressionistischen Auslegung der klassischen, in der Romantik verwendeten Form sehen.

Das lyrische Ich wird bis zum neunten Vers wiederholend im Text genannt. es appelliert an keine gegebene Person, sondern schildert die Situation bis zur dritten Strophe in einem erzählenden Charakter. Es ordnet sich der Natur gleich zu Beginn des Gedichtes unter, so "folgt" (V.2 ) es etwa den Vögeln oder erzittert unter einem "Hauch [...] von Verfall" (V.9 ).

Mit dem Beginn des zehnten Verses erscheint das lyrische nicht mehr explizit. Die Schilderung der umliegenden Situation nimmt überhand.

Sprachliche Gestaltungsmittel

Der Wandel vom romantischen Naturerlebnis zum expressionistisch anmutenden Verfall im Gedicht zeigt sich auch in der Verwendung der sprachlichen Gestaltungsmittel.

Das Gedicht beginnt mit einem hypotaktischen Satzbau. Die Situation der Verse wird so durch nur zwei Sätze dargestellt. nach einer plötzlichen Unterbrechung durch drei parataktische Sätze, die stark an den expressionistischen Reihungsstil erinnern, endet das Gedicht jedoch wieder mit einer Hypotaxe.

Selbiges Phänomen zeigt sich im Wechsel der Wortwahl und Ausdruckskraft der verwendeten Substantive, Verben und Adjektiven im Gedicht. Bedingt durch den größtenteils hypotaktischen Aufbau des Gedichtes entstehen zahlreiche Enjambements, etwa in Vers 2-4.

Besonders die ersten beiden Strophen sind geprägt von Begriffen des Friedens, die mit Substantiven der Weite verbunden werden, so zum Beispiel der Reim von "Flügen" (V. 2) auf "Pilgerzügen" (V.3 )

Auch das Wortfeld des Abends wird mehrmals erwähnt, so zum Beispiel der "dämmervolle Garten" (V.5) Das Motiv des Abends wird jedoch durchweg positiv verwendet. In den letzten beiden Strophen zeigt sich dann wiederum der Beginn des "Verfalls" an den häufigen Verben der Schwäche und Klage, wie dem "erzittern" (V.9), oder bei der Erwähnung der klagenden Amsel (V.10).

Dass das Gedicht, wie bereits genannt, mit einer romantischen Naturbeschreibung beginnt und in einem expressionistischem, apokalyptischen Zustand endet wird auch durch zahlreiche rhetorische Figuren ersichtlich. Zum einen liegen zahlreich Vergleiche vor, wie zum Beispiel bei "wie blasser Kinder Todesreigen" (V.12), die die Bedrohung und das Leid des Verfalls ausdrücken und verstärken. Zudem entsteht einer starker Kontrast durch die gleichzeitige Nennung von Kindern und dem Tod, einer stark expressionistischen Motivik. Bei dem Vergleich "gleich frommen Pilgerzügen" (V.3) wird die Unschuld und Anmut der Natur vor dem Beginn des Verfalls verstärkt.

Auch Personifikationen wie die klagende Amsel (V.10) oder die fröstelnden Austern (V.14) zeigen die allgegenwärtige Bedrohung der Natur und Tiere durch den Verfall, gegen nicht einmal diese, obwohl zuvor als fromm und anmutig beschrieben Widerstand finden. Auch die Verwendung der Metonymie "rote Wein" (V.11) anstatt von Trauben-Stauden verstärkt als typisch expressionistische Verwendung der Sprache, den Effekt der Macht des Verfalls. Auch kann die Farbe Rot im Gedicht als Synonym für Blut gesehen werden.

Daneben gibt es jedoch noch weitere, häufig im Expressionismus verwendete Stilmittel im Gedicht. So ist die Reihung von heterogenen Bildern wie in "blasser Kinder Todesreigen" zu nennen, die einerseits die Bedrohung verdeutlichen, andererseits aber auch Beispiel für die revolutionäre Sprachverwendung im Expressionismus ist. Auch ist eine Häufung von Neologismen wie der "dämmervolle Garten" (V.5) oder der "Todesreigen" (V.12) zu nennen, die typisch für den Expressionismus sind.

Abschließende Interpretation

Zusammenfassend stellt das Gedicht also eindeutig eine harmonische Situation dar, die schließlich in eine apokalyptische Vorahnung übergeht, die die Natur ausdrückt. Passend zur Epoche der Romantik beginnt das Gedicht mit einer starken Symbolik, vor allem geprägt von dem Begriff der Natur, die sogar im fünften Vers im Begriff Garten" wörtlich genannt wird, wenn auch nur in einem Synonym. Auch das Symbol des Traumes spielt eine zentrale Rolle" in den ersten beiden Strophen des Gedichtes. So schildert das lyrische Ich beispielsweise in den Versen sechs bis acht eine sehr verträumte Situation, in der sogar die Zeit, versinnbildlicht durch "der Stunden Weiser" (V.7) kaum mehr Bewegung zeigt.
Xabotis



Anmeldungsdatum: 29.12.2010
Beiträge: 848

BeitragVerfasst am: 21. Jan 2011 18:27    Titel: Re: interpr. Antworten mit Zitat

Ich bin beeindruckt, darf ich dir vorschlagen, es als eigenes Topic den Beispielklausuren zuzfügen, damit weitere Nutzer davon profitieren können, so eine ausführliche Interpretation habe ich lange nicht mehr gelesen.
Kompliment, ich kann nichts verbessern Freude

Wink

_________________
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[email protected]
Gast





BeitragVerfasst am: 21. Jan 2011 18:58    Titel: Antworten mit Zitat

ICh würde vielleicht noch den Smilie streichen!Big Laugh

Sehr gut! Wirklich absolut umfassend gut! Freude
Xabotis



Anmeldungsdatum: 29.12.2010
Beiträge: 848

BeitragVerfasst am: 21. Jan 2011 19:21    Titel: Antworten mit Zitat

das Problem mit dem smiley hatte ich auch
_________________
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peterderweg
Gast





BeitragVerfasst am: 21. Jan 2011 19:50    Titel: hm Antworten mit Zitat

ja wenn das so ist danke fürs kompliment... Big Laugh
[email protected]
Gast





BeitragVerfasst am: 21. Jan 2011 19:55    Titel: Antworten mit Zitat

Auf der Seite scheints du ja mehrere gute Artikel zu haben!Augenzwinkern
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