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Interpretation Ballade vom kranken Kind
 
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rinna_mc



Anmeldungsdatum: 18.07.2006
Beiträge: 2
Wohnort: Bamberg

BeitragVerfasst am: 18. Jul 2006 11:55    Titel: Interpretation Ballade vom kranken Kind Antworten mit Zitat

Hallöchen,

hat vielleicht jemand ein paar Tipps, wie ich am besten an die "Ballade vom kranken Kind" von Hofmannsthal rangehe?
Bin im 3. Semester Germanistik und brauche ein paar Tipps für meine
Hausarbeit. Ich krieg sowas eigentlich ganz gut hin, aber irgendwie brauch ich einen Denkanstoß...

Dankeschön Wink

Corinna
Lindenblatt



Anmeldungsdatum: 30.10.2005
Beiträge: 160
Wohnort: Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 26. Jul 2006 17:24    Titel: Antworten mit Zitat

Hugo von Hofmannsthal:
Ballade vom kranken Kind

Das Kind mit fiebernden Wangen lag,
Rotgolden versank im Laub der Tag.
Das Fenster hing voller wildem Wein,
Da sah ein fremder Jüngling herein.

»Laß, Mutter, den schönen Knaben ein,
Er beut mir die Schale mit leuchtendem Wein,
Seine Lippen sind wie Blumen rot,
Aus seinen Augen ein Feuer lobt.«

Der nächste Tag verglomm im Teich,
Da stand am Fenster der Jüngling, bleich,
Mit Lippen wie giftige Blumen rot
Und einem Lächeln, das lockt und droht.

»Schick, Mutter, den fremden Knaben fort,
Mich zehrt die Glut und mein Leib verdorrt,
Mich ängstigt sein Lächeln, er hält mir her
Die Schale mit Wein, der ist heiß und schwer!

Ach Mutter, was bist du nicht erwacht!
Er kam geschlichen ans Bett bei Nacht:
Und, weh, seinen Wein ich getrunken hab
Und morgen könnt ihr mir graben das Grab!«
*
(1892)
*
Es ist ein selten gedrucktes Gedicht von v.H.; eine Interpretation habe ich gar nicht gefunden.

Es ist das neuromantische Gegenstück zu Goethes "Vater", der mit seinem kranken Sohn auf dem Weg zurück zum Hof ist... Kennst du...?

**

Hier wird das fiebrige Erlebnis mit letzter Warnung und Bitte auf einen "Jüngling", einen "fremden Knaben", projiziert, der ein Engel sein könnte, der das kranke Kind geleiten wird - in den Tod.

Wenn man psychoanalytisch das "Kind" mit dem Autor und seinem Verhältnis zur Mutter, die nicht für ihn sorgt, ihn nicht schützt, ihn sterben lässt, gleichsetzt, hätte man einen Aufriss über den Traum oder die Befürchtung in der Psyche des Dichters... - aber ich weiß nichts von Mutter und Sohn "von H."!

_________________
Stultum deridet stultus nihil callidi cogitans.
Sirius



Anmeldungsdatum: 29.04.2006
Beiträge: 180
Wohnort: Erlangen

BeitragVerfasst am: 28. Jul 2006 01:09    Titel: Ballade vom kranken Kind Antworten mit Zitat

Ich kenne den Text-Entstehungs-Zusammenhang auch nicht, also nur ein paar Ideen:

Den Vergleich von Lindenblatt mit dem Erlkönig finde ich ergiebig: Auch hier lockt der Fremde zunächst (schöner Knabe), so dass sie ihm nicht widerstehen kann, und bringt ihr dann nach seinem "Genuss" (Wein!) den Tod.

Die Mutter-Kind-Vernachlässigungs-Interpretation und die Todes-Engels-Metapher leuchten mir weniger ein, weil sie nicht erklären, warum der "schöne" und begehrenswerte Knabe, der "leuchtenden Wein" anbietet, plötzlich Angst macht und Todesgedanken heraufbeschwört. (Im Gedicht steht übrigns nicht, dass sie stirbt, sondern nur, dass sie dies erwartet!)

Ich sehe darin eher eine Verführungsgeschichte, die zur Begründung der moralischen Hyperbel in das Reich des Fieberwahns eingebettet ist: Der Jüngling ist zunächst begehrenswert, mit lockenden lebendig-roten Lippen und feurigen Augen. Er bietet Genuss an (leuchtenden Wein) und sie will ihn (Lass ihn ein!), denn er bietet ihr, wovon sie vorher schon geträumt hat (Das Fenster voll wildem Wein). Dabei bezeichnet wild sicher nicht die biologische Zuordnung (wilder Wein trägt kaum Früchte), sondern die Eigenschaft.

Nach der (gemeinsamen) Nacht (Der nächste Tag verglimmt! Die erste Szene spielte auch schon am Abend!), ist der Jüngling bleich, seine Lippen sind vergiftet (für sie) und sein Lächeln erscheint ihr bedrohlich. Da der Wandel durch keinen äußeren Vorgang erklärt ist und auch seither nichts anderes geschehen ist als der Ablauf einer Nacht, stellt sich die Frage nach deren Verlauf. Die Antwort ist deutlich: Er war an (in?) ihrem Bett, sie hat von seinem Wein gekostet (von ihm) und jetzt verzehrt sie das schlechte Gewissen: Sie kommt nicht mehr von ihm los (sein "drohendes Lächeln" lockt sie immer noch) und will, dass die Mutter an ihrer Stelle handelt, sie immer noch vor den bösen Männern beschützt, wie sie das beim kleinen Kind getan hat. Die Mutter hat diese Funktion jedoch offensichtlich bereits aufgegeben. Kein Wunder, denn das "Kind" ist - wie ihr Verhalten gegenüber dem Jüngling zeigt - so klein schon längst nicht mehr.

Wie weit man die offenbar zentrale Metapher "Wein" interpretieren soll, weiß ich nicht und kann es ohne Literatur auch nicht klären. Du müsstest mal nachsehen, wie diese Metapher zeitgenössisch verwendet wird. In der harmlosen Fassung steht sie wohl nur für Genuss, in einer heftigeren vielleicht sogar für Sperma, das sie beim nächtlichen Bettbesuch in sich aufnimmt. Einfacher Wein ist es jedenfalls nicht, der "leuchtet" so wenig wie er "schwer" ist und wird auch nicht "heiß" getrunken.

Dass der einmalig Genuss schon die Todesstrafe (Grab) nach sich zieht, lässt sich mit aufgeprägtem Moralisieren des Autors (Intention!) erklären. So verwendet z.B. auch Böll diese Metapher, wenn er (in Billard um halbzehn?) die, die vom Sakrament des Lammes gekostet haben, von denen des Büffels unterscheidet. Der Zusammenhang von Kelch und Sakrament ist liturgisch offensichtlich. Aber da Hofmannsthal Böll nicht gekannt haben kann, ist dieser Vergleich wohl zu weit hergeholt.

So, das waren ein paar Anstöße - zum Weiterdenken, zum Ablehnen oder zum Überprüfen in zeitgenössischer Literatur.

Schöne Sommergrüße und viel ERfolg bei der Hausarbeit

Sirius

_________________
"So tauml' ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht' ich nach
Begierde." (Wald und Höhle)
Lindenblatt



Anmeldungsdatum: 30.10.2005
Beiträge: 160
Wohnort: Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 29. Jul 2006 11:27    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, danke für die anregenden Ergänzungen.

Zur doppeldeutigen Metaphorik von „Schale“, Kelch“ und „Becher“ (Geschenk und Wegnahme...) – Möglichkeiten der leiblichen, ästhetischen und sexuellen Befriedigung, Bereitschaftshaltungen des Zukünftigen, der Sehnsucht, aber auch der Gefährdung, der Todesahnungen…
Bei von Hofmannsthal in anderem Kontext (junger, gewandter Ritter und grüßende junge Frau (als rollenmäßig völlig undifferenzierte „Sie“) (in „Die Beiden“, 1895) funktioniert ja wieder der Quellgrund der Kelch-Metaphorik, als Andeutung und Möglichkeit der gemeinsamen, heterosexuellen Liebe: der „Becher“, aus dem der Wein der anrührenden Liebe durch Ungeschick „am Boden „rollt“; so dass für die „Beiden“ als Chance offen bleibt.
Hier, als letzter Anruf an die „Mutter“ für den jungen Mann, der verwirrt, auf den Tod geänstigt ist ob des „Weins der Nacht“.
Als äußerer Anlass, den v. H. nur ein Schicksalswink aufnimmt, könnte hier auch ein Suizid vorgelegen haben, oder eine Verführung im homosexuellen Sinne.
Wenn es ein autobiografisches Geschehen ist, das hier aufblitzt, ist es der Appell an die Mutter als die vermittelnde, gewährende Moralinstanz, auch die Möglichkeit der Gesundung, ist somit genauso selbsttherapeutisch wirksam; wie die Anrufung der Instanz „Mutter“ als Muse, als der Sprache, als Sprachmacht des Eigenen.
Oder: Seit 1891 kam es in Wien durch Stefan George zu einer heftigen „Umwerbung“ des sechs Jahr jüngeren v. H. Seine Texte aus dieser Zeit werden gerne als „epigonal“ herabgestuft (s. Mathias Mayer in RUB 18036, S. 107f; er druckt diese „Ballade" auch erst gar nicht.
Bei v.H. findet sich viel Bisexuelles, biografisch und thematisch.
Somit wäre diese "Ballade“ ein Ringen um das mögliche Sich-Verändern der sexuellen Freundschaftsrolle oder die Klärung der Ablehnung, als Monolog nach einem Traum mit dem Mütterlich-Normalen, dem Anerzogenen.
"Solches Treiben" bringt den Herrn und die Frau Normalo immer wieder psychisch in Verwirrung. (Bei Thomas Mann hat sich im medial aufgeklärten Publikum schon einiges verändert; anderen weniger klassich gewichtigen wird es noch nicht vergönnt, d.h. als normale Variante akzeptiert; ist es doch "unbiologisch" für Produktionszwänge...)

_________________
Stultum deridet stultus nihil callidi cogitans.
Lindenblatt



Anmeldungsdatum: 30.10.2005
Beiträge: 160
Wohnort: Ruhrpott

BeitragVerfasst am: 04. Aug 2006 19:30    Titel: Antworten mit Zitat

„Kind“ als Anrede für ein geliebtes Mädchen, die „Frau“ und „Mutter“ werden könnte, die der Poet sich erwünschte, ist bis in von Hofmannsthals Zeit möglich. Es meinte das "unberührte Kind".

*

Eduard Mörike an seine Verlobte Luise Rau (am 18. Februar 1830)

(..) Liebes, teures Kind -! ich habe hier mit vielen Worten ohne recht zu wissen, wie sie aufs Papier kamen, ungefähr das gesagt, was Du mir viel besser und einfacher mit wenig Zeilen sagst, aber nimm es hin als den wahrhaften Ausdruck meines Innersten, den vielleicht jedermann, nur Du nicht, der Übertreibung beschuldigen würde. Du bist das Einzige Wesen, das mich hierin ganz zu würdigen versteht; ich bin der Einzige, der das schöne Geheimnis Deiner Seele, Deines ganzen Denkens, Seins und Ausdrucks entschleierte, der den leisesten Laut Deines Gemüts auffängt, daß er zum vollschwellenden Gesange in mir aufgeht. Liebes Herz! Könnt ich jetzt, an Deinem Halse liegend, alles das zusammenfassen mit Einem Blick in Dein getreues Auge - - !

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/manuskript/man2_seite9.htm

*

Aus v. H.s. eigener Zeit dieses Beispiel:

RICHARD SCHAUKAL: Traurige Mär

Ich gab mein Herz einem blonden Kind.
Sie nahm's und lachte.
Ich wußte nicht, wie Kinder sind,
ich freute mich und dachte:
„Nun legt sie's zärtlich in den Schrein
und wird's verwahren."
Sie aber warf's in den Tag hinein:
der Stundenwagen fuhr polternd drein -
da ward es überfahren.
(Aus: Gedichte. 1918)
*
Wen v. H. nun wirklich angeredet hat, ob er so sein Liebesobjekt tarnen wollte – ich bin zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen.

_________________
Stultum deridet stultus nihil callidi cogitans.
rinna_mc



Anmeldungsdatum: 18.07.2006
Beiträge: 2
Wohnort: Bamberg

BeitragVerfasst am: 10. Aug 2006 18:26    Titel: Antworten mit Zitat

Vielen Dank, das hilft mir schon sehr gut weiter Tanzen
Tut mir leid, dass ich mich jetzt erst bedanke, aber ich hab keine Nachricht über die Beiträge bekommen und hab heute erst wieder vorbei geguckt... Wenn ich mich intensiv damit beschäftigt habe, erstatte ich Bericht über meine Ergebnisse =)!
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