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Sirius
Anmeldungsdatum: 29.04.2006 Beiträge: 180 Wohnort: Erlangen
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Verfasst am: 09. Jan 2007 18:57 Titel: Katharsis und ähnliches |
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Ich schau mal nach, ob ich was habe, wenn ich zu Hause bin. Hier im Büro kann ich nix nachschauen - und für "einfach so" ist mir die Frage zu speziell.
Was ist gern wüsste: WARUM interessiert dich das? Ich interessiere mich bei Literatur immer mehr dafür, was ICH damit anfangen kann. Tja, wenn man den Schiller oder den Goethe mal fragen könnte, ob er immer mit dem einverstanden ist, was die Germanisten so über ihn und seine Meinungen schreiben ... DAS fände ich interessant. (Geht aber eben leider nicht. Schade!)
Mit unwissenschaftlichen Grüßen
Sirius
(der auch gleich widerruft, was er da so despektierlich gesagt hat!) _________________ "So tauml' ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht' ich nach
Begierde." (Wald und Höhle) |
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Mermaid Gast
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Verfasst am: 09. Jan 2007 20:04 Titel: |
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Hallo Sirius,
Danke, dass du mal nachschaust.
Der Grund, weshalb ich mich damit beschäftige, ist unsere Deutschklausur über Don Carlos nächste Woche Mittwoch. Von reinem Interesse meinerseits kann also nicht die Rede sein. Da wir uns vor den Ferien mit Don Carlos etwas beeilen mussten und wir in den Ferien das dritten Akt auch allein durcharbeiten sollen, habe ich auch keine genauen Angaben, was wir wie genau und warum lernen sollen. Das Stichwort Katharsis ist mir in meinen Unterlagen aufgefallen (habe das selbst irgentwie da hin gekritzelt^^). Daher dachte ich, dass ich mich damit etwas genauer auseinandersetze. Das mache ich meistens so.
Gruss,
Mermaid |
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Sirius
Anmeldungsdatum: 29.04.2006 Beiträge: 180 Wohnort: Erlangen
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Verfasst am: 10. Jan 2007 02:02 Titel: Katharsis |
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Hallo mermaid,
das Buch, das ich gesucht habe, habe ich wohl im Moment verliehen. Es ist für alle Termini der Literaturanalyse sinnvoll: Gero von Wilpert: Sachwörterbuch Literaturgeschichte.
Gefunden habe ich aber immerhin mal folgendes:
Die Wirkung der Tragödie besteht nach Aristoteles in der Erregung und Reinigung der Affektzustände Furcht und Mitleid, denen in der Gesamtheit von Affekten eine Schlüsselstellung zugewiesen wird.
Reinigung bedeutet in diesem Zusammenhang soviel wie Mäßigung von Gefühlszuständen (Affekten, "Trieben").
Die Tragödie soll dazu beitragen, die Affekte ins rechte Maß zu bringen. Der Mensch muss dieses Maß finden, um Glückseligkeit im Rahmen einer staatlichen Gemeinschaft erlangen zu können (ethisches Prinzip der Mitte, eudaimonistische Staatsvorstellung, zoon politikon).
Furcht und Mitleid beeinträchtigen als "ungemäßigte" Affektzustände das seelische Gleichgewicht des Menschen, müssen gewissermaßen als "Störungen der Seele" behandelt werden, d.h. gemäßigt / gezügelt werden.
* Furcht bedeutet für Aristoteles ein Gefühl in Antizipation eines Unheils. Es stellt sich ein, wenn man ein Unheil erwartet oder sich ein Unheil vorstellt, das einen selbst betrifft (Selbstbezug der Furcht).
* Mitleid stellt sich dann ein, wenn man erwartet, dass jemand anderer von einem Unheil getroffen wird, oder wenn man sich derartiges vorstellt.
Inhaltlich gesehen können die beiden Affekte durch den gleichen Vorfall ausgelöst werden, also Gegenstand der Furcht ist auch das, was Mitleid auszulösen vermag.
Dieser Auffassung von Aristoteles ist entgegenzuhalten , dass Furcht in seinem Sinne sich beim Zuschauer durch das Betrachten eines Theaterstückes wohl kaum einstellt. Denn dass der Zuschauer wirklich und zwar so persönlich-konkret von dem Tragödiengeschehen betroffen ist, dass er beim Zusehen beginnt, sich zu fürchten, ist eher unwahrscheinlich. Es sei denn: Furcht wird, wie es später Lessing tut, als Mitfurcht interpretiert, was dann automatisch ein Mitleiden mit dem anderen einschließt. Brecht hat daraus die Konsequenz gezogen, auf solche Gefühlsintentionen ganz zu verzichten und lieber an die mitdenkende politische Ratio des Zuschauers zu appellieren.
Für Aristoteles haben Furcht und Mitleid praktische Bedeutung, ohne dass gleichzeitig eine moralische Bewertung der beiden Affekte vorgenommen wird. Mitleid ist also - im Gegensatz zu Lessing - nicht besser als Furcht (Prinzip der Mitte).
Mitleid als Affekt im positiven Sinne ist für Aristoteles nur in Verbindung mit dem Gerechtigkeitsgefühl (Gegensatz zum Christentum, das eher vom Mitgefühl mit dem Menschen als vom Gerechtigkeitsstreben ausgeht) als Antrieb zum Handeln akzeptabel. Der Affekt Gerechtigkeitsgefühl wiederum wird aber nur dann ausgelöst, wenn ein Unheil unverdientermaßen über jemanden hereinbricht (Unverdientheitsklausel). Mitleidleidiges, sprich mitleidendes Verhalten ist für Aristoteles nicht per se gut. Im Gegenteil: Die kathartische Reinigung dieses Affektes in der Tragödie soll den Menschen gerade von einem Übermaß an sozial eingeübter sozialer Ansprechbarkeit befreien (Affektabfuhr), den Menschen vor "Gefühlsduselei" bewahren.
In gleicher Weise soll der Zuschauer der Tragödie den Affekt der Furcht dahingehend "reinigen", dass sich bei ihm wieder die Mitte zwischen nötiger Überlebenstechnik und übertriebener Ängstlichkeit wieder einpendelt.
So, jetzt haben wir kaum etwas zum Gegensatz (?) von Goethe, Schiller, Lessung und Consorten, aber immerhin etwas anspruchsvoll Klingendes zur Katharsis. Hilft dir das weiter.
Mir fällt bei solchen Texten immer ein Aphorismus von Lichtenberg ein: Wenn ein Kopf und ein Buch zusammen stoßen und es klingt hohl - muss das nicht unbedingt am Kopf liegen!
Gereinigte Grüße
Sirius _________________ "So tauml' ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht' ich nach
Begierde." (Wald und Höhle) |
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Mermaid Gast
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Verfasst am: 10. Jan 2007 11:09 Titel: |
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Hallo Sirius,
vielen Dank für deinen recht ausführlichen Beitrag. Mit der Dramentheorie nach Aristoteles haben wir uns nie wirklich beschäftigt. Kurz durchgenommen, das aber auch nur am Rande, haben wir die Dramentheorie von Lessing. Da die sich ja von Aristoteles Theorie etwas unterscheidet, konnte ich das mit Schiller irgentwie nicht in Verbindung bringen.
Jetzt finde ich aber, dass die Theorie nach Aristoteles von der Mäßigung der Affekte schon recht klassich klingt. Stammt zwar aus der Antike, aber die Klassiker haben sich ja bekanntlich an dieser orientiert. Auch sein Verständnis von Tugend ( Prinzip der Mitte) klingt danach. Daher könnte die Theorie mit Schiller übereinstimmen, drückt zumindest sein Verständnis eines ästhetischen Menschens aus.
Also vielen Dank dafür, das hat geholfen!
Gruss,
Mermaid |
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